miercuri, 19 decembrie 2007

Tag Allerheiligen. Diesmal zentral


Ich blicke nach oben und starre zur Kuppel hin. Von der Mitte gehen goldene Strahlen aus, die —je weiter man zum Rande der Kuppel seinen Blick hinrichtet— sich auf einer blauen Ebene punktiert als Sterne verlieren. Dieses runde Spiel verwirrt und zieht mich gleichzeitig an, sodass ich mich in der Zeit verirre.

Das leere Rot

Sie sitzt auf einer Bank in der Mitte einer Allee. Ganz in rot gekleidet —sogar ihr Hut ist rot— hält sie den Henkel einer schwarzen Handtasche und blickt in die Leere. Es ist Herbst und die Blätter der Bäume sind schon lange auf den Boden gefallen. Der Wind blässt sanft, jedoch mit scharfen Krallen und Zähnen, und kann kaum einen Reigen der blassen Blätter noch anstiften. Nur die in Rot gekleidete alte Frau auf der Bank scheint er zu beunruhigen. Die Alte blickt bald auf einen Vorbeiläufer, bald auf ihre Handtasche, bald in die Leere auf das Gebüsch, das ihr vorliegt und zieht sich immer mehr zusammen. Obwohl der Tag sich Minute für Minute dem Abend nähert und es drauben immer kälter wird, sitzt die Alte auf der Bank und staunt… und staunt… in die Leere.
Ich befinde mich auf der selben Allee und nähere mich langsam der Frau. Sie bemerkt mich kaum. Mit jedem Schritt, den ich auf sie zugehe, fühle ich mich von ihrer tadelnswerten Unwissenheit gepeinigt, denn es sieht so aus, als ob sie nicht ihren Blick zu mir herüberrichten möchte. Doch schau! Mit einem Male blickt die alte Frau zu mir herüber; wenn auch für einen kurzen Augenblick. Danach senkt sie ihren Kopf und blickt auf den grauen Boden —für einen längeren Augenblick— und nacher wieder in die Leere. Ich nähere mich mit jedem Schritt der Frau und sobald ich an der Bank ankomme, frage ich sie:
„Gestatten Sie mir, mich zu Ihnen zu setzen?”
Die Frau schaut mich untersuchend an und antwortet kurz und bündig:
„Ja.”
Ich blicke kurz in die Leere zu das gegenüberliegende Gebüsch und frage letztendlich:
„Kommen Sie oft in den Friedhof?”
„Nein.”
Eine erneute kurze Antwort, die mich nachdenklich macht. Die alte Frau ist nicht die gesprächigste. Sie antwortet immer nur kurz und schaut danach in die selbe Richtung. Ich frage sie aber erneut:
„Wann kommen Sie denn in den Friedhof?”
„Ich komme sehr selten in den Friedhof fast gar nicht… Heute bin ich ausnahmsweise da und das nicht umbedingt darum, weil heute Tag Allerheiligen ist!” ist ihre Antwort.
„Könnten Sie mir etwas vom Tag Allerheiligen erzählen?”
„Vieles kann ich Ihnen auch nicht sagen! Für den meisten Leuten ist es nur ein Feiertag, an dem man frei ist. Heuer, da der erste November an einem Donnerstag ist, nützen die meisten das aus, um ein längeres Wochenende zu haben. Heute, zu Tag Allerheiligen ist ja frei und morgen zu Tag Allerseelen nehmen sich die meisten einen freien Tag hinzu. Mehr kann ich Ihnen dazu auch nicht sagen.”
„Aber zu den üblichen Dingen die man tut: Kerzen anzünden, Blumen an die Gräber stellen… können Sie mir dazu etwas sagen?”
„Ja… die meisten Leute kaufen Blumen, um sie an die Gräber der Verstorbenen zu legen. Ich tue das aber nicht. Ich gebe nicht Geld für die Blumen aus, denn sie werden gestohlen, um vielleicht wieder verkauft zu werden. Auch die Dosen für die Kerzen behalte ich immer für die Wiederverwendung. Die meisten tuen das auch!”
Da die Frau einen einsamen Eindruck auf mich macht, frage ich sie:
„Entschuldigen Sie mich falls ich unfreudlich sein sollte, aber sind Sie alleine unterwegs?”
„Ja das bin ich. Ich habe meine ganze Familie begraben.”
Ich schau die Frau wieder an… Sie hat eine feste Haltung; dadurch versucht sie ihren Schmerz zu verstecken, aber der Spiegel der Seele erzählt etwas anderes über ihr Befinden. Ich werde sehr neugierig, aber es fällt mir sehr schwer sie danach zu fragen, wenn ihre Familie schon tot ist, wieso sie denn nicht des öfteren in den Friedhof geht. Letztendlich frage ich sie und sie antwortet mir unmittelbar erfolgend, als ob sie wusste, dass ich sie danach fragen werde:
„Was soll ich denn in den Friedhof machen? Wenn die Seel’ weg ist, ist da nur noch der Körper!”
Die alte Frau wendet ihren Blick ab von mir und schaut erneut auf das Gebüsch. Ich stehe auf von der Bank, wünsche ihr einen schönen Abend noch, nehme meinen Orientierungsplan vom Wiener Zentralfriedhof aus der Jackentasche und setzte meinen Spaziergang fort.

Der Friedhof

Auf meinem weiteren Weg durch den Zentralriedhof laufe ich vielen Menschen entgegen und hinterher. Die ganze Stadt hat sich in diesem Friedhof versammelt. Die Straßen waren den ganzen Tag leer und die Läden hatten zu. Ganz Wien gedenkt heute den Toten… Die meisten Städter trifft man auf der Hauptallee die vom Haupteingang bis zur Friedhofskirche führt.
Der Zentralfriedhof wurde um das Jahr 1870 als ein Plan in Frage gebracht. Karl Jonas Mylius und Alfred Friedrich Bluntschli, zwei Gärtnerarchitekten äuberten zum ersten Mal diesen Wunsch. Mit der Zeit wurde der Friedhof immer mehr erweitert, sodass er bis heutzutage sieben Mal in der Geschichte erweitert worden ist. Das letzte Mal im Jahre 1921. Mit einer Gröbe von rund 2,5 Millionen Quadratmetern ist der Zentralfriedhof der zweitgröbte Friedhof Europas. Es ruhen hier um drei Millionen Menschen, unter welchen: Christen verschiedener Konfessionen, Juden, Moslems und Buddhisten.

Tor 2

Wien, Simmeringer Hauptstrasse: Zentralfriehof, Tor 2. Das ist die Adresse für jedem der zum Haupteingang des Friedhofs möchte. Steht man am Haupttor, so sieht man rechts zahlreiche Holzhütten, an denen man Blumen oder Kränze und Kerzen kaufen kann. Die kleinen Händler verkaufen links an ihren Ständen zu Essen und zu Trinken. Das große Tor das als Eingang dient, liegt zwischen zwei Säulen. Die rechte wurde unter der Regierung Franz Josephs des I. errichtet. Dort ist auch die Verwaltung die mir vor Kurzem gestattete samt meiner Bierdose das Friedhof zu betreten. Da habe ich auch meinen Orientierungsplan her. Auf der linken Seite steht die Säule, die unter dem Bürgermeister Doktor Karl Lueger im Jahre 1905 erbaut wurde. Hinter dem Eingang im Innern des Friedhofs stehen zwei Polizisten und seitlich von ihnen im Hintergrund ein Krankenwagen. Auf dem Weg zur Kirche sind (schon mit dem Eintreten in dem Friedhof) viele Schilder zu sehen, die den Weg zum erwünschten Ziel hinweisen. Hie und da sind zwischen den Wegen Flächen mit Gras zu sehen. Sie sind einzig… auf denen kann man die meisten bunten Blätter sehen. Das Grüne ist prägnant, jedoch vermischt mit den Herbstfarben der Blätter, weist es auf den Feiertag der heute stattfindet. Wie zum Faschingstag ist alles bunt, jedoch täuscht dieses Bunte einen Neuanfang vor dem Vergehen vor. Auf den gleich neben mir liegenden Rasen sind ein paar Krähen die ihr Unwesen treiben. Sie zappeln und tanzen auf dem Rasen. Zwei von ihnen springen kurz vom Boden hoch, bewegen heftig ihre Flügel und stoßen sich im Flug mit den Füßen gegenseitig ab. Ich wende meinen Blick hinter mich und erblicke ein Schild, das mir den Weg zu den Ehrengräbern von weltbekannten Komponisten hinweist.

Eine kleine Abendmusik

Angekommen an dem Ort, wo das Grab von Ludwig van Beethoven steht, bleibe ich staunend da eine Minute lang. Diesen Grabstein kenne ich nur aus dem Film „Immortel Beloved (Unsterbliche Geliebte)”. Sofort fällt mir das Ende des Films ein und Zitate aus ihm: „Wer kann neben ihn bestehn?”; „Ewig dein, ewig mein, ewig uns!”. An seinem Grab liegen Blumen, Kerzen und… eine Kerze auf einem Blatt, worauf folgendes geschrieben steht: „LIEBE(!) LUDWIG ICH KANN IHR 4 GEGEN 3 SPIELEN!”. Nebenan Franz Schubert; es folgen weitere Gräber wichtiger Komponisten auf der linke gegenüberliegenden Seite wie z.B. die Gräber von Johann Strauss der Sohn und Johannes Brahms, vor welchen je ein Kranz mit zwei Bänder in den Farben der österreichischen Flagge steht. Vor Beethovens und Schuberts Gräbern wurde eine Säule von der Stadt Wien im Jahre 1859 erbaut, die Mozart gewidmet ist. Ich habe kaum das Gefühl, das den Toten gedenkt wird, denn zahlreiche Touristen kommen und lassen sich mit den Gräbern der Komponisten fotografieren. Sie sind sehr locker und lassen dir kaum den Eindruck, dass vor ihnen Gräber liegen und keine Kunststücke. Nur ein junger Mann reagiert nicht erfreut nach dem er ein Foto von einem Grab schießt. Man hört ihn sagen: „Ich kann nicht Fotos mit den Gräbern machen… ich schäme mich schon, dass ich Fotos mache!” Hie und da legen Kinder (insbesondere) Blumen an den Gräbern dieser Komponisten und zünden Kerzen an. Die meisten aber sind nur da um Fotos zu machen.

Stille.

Überfüllt vom Gedanken, dass der Tag Allerheiligen eine Touristenattracktion ist, verlasse ich den Ort mit den Gräbern der Komponisten. Ich habe kein Ziel. Ich suche mir eine Richtung aus und gehe einfach. Der Weg, den ich gehe wird immer enger, die Tannen kommen mir seitlich immer näher und bald befinde ich mich nur noch zwischen Gräbern. Ich bleibe stehen. Stille. Ich blicke auf. Zwischen den Ästen der Bäume sehe ich den Himmel. Es dämmert… Stille. Es dämmert… Stille. Nur in der Ferne kann man Kinder hören, die entweder weinen oder schreien. Ab und zu fliegt eine Krähe ueber mich, die ich wahrnehme. Ansonsten: Stille. Ich schaue mich um mit den Wunsch viele Kerzen und Blumen auf den Ruhestätten zu sehen. Es gibt jedoch kaum welche— Touristenattracktion?. Kaum Licht. Fünf Gräber, eine Kerze— vielleicht. Ich bete…
Nach meinem spontanen „Vater Unser” ändere ich wieder meine Laufrichtung, und laufe wieder geradeaus… („du musst nur die Richtung ändern!”).

Friedhofskirche

Ich gelange zu dem Weg, der vorbei an der Friedhofskirche führt. Die Menschen kommen und gehn. Circa 20 Meter mir entgegengesetzt an den Neuen Arkaden steht ein Waechter neben einem Schild und erklärt einer Dame den Weg, den sie zu finden versucht. Rechts von mir erhebt sich die Friedhofskirche. Um ihren Turm herum kreisen Krähen.
„Mama, schau mal, ich park, wo halten verboten ist!” Der Vater und die Mutter sind grad an mich vorbeigelaufen. Der Junge auf dem Fahrrad folgt ihnen hinterher. Sie erinnern mich an dem Ort, wo die Ruhestätten für verstorbene Kinder sind. Die Kindergräber sind mit vielen Blumen und Kränzen beschmückt. Es brennen mehr als zwei Kerzen an fast jedem Grab. So sollte es überall im Zentralfriedhof sein! Außer Blumen und Lichter stehen an den Gräbern Plüschtiere. Sie werden von den Geschwistern der Verstorbenen dahin gestellt. So gedenkt man den Kindern.
Der raue Herbstwind wächst immer stärker mit der Annäherung der Nacht auf. Ich stehe vor einem großen Gebäude. Eine Marmorplatte: „Friedhofskirche zum heiligen Karl Borromaeus. Ein Jugendstiljuwel von Max Hegele.” Die Kirche wurde nach den Plänen des Architekten Max Hegele zwischen 1907 - 1910 errichtet. Sie gilt als bedeutendster Kirchenbau des Jugendstils neben Otto Wagners Kirche am Steinhof. Ich besteige die Treppe, die zum Eingang in die Kirche führt. Am Eingang, eine neue Marmorplatte, die als Zeitplan für die heilige Messe da steht. Zu Allerheiligen: 9h, 10h, 11h; zu Allerseelen: 9h, 11h, 15 h; an Sonn- und Feiertagen um 9h.
In der Kirche, wenig Leut’… das wegen des Abends. Links vom Eingang ist ein Raum, in dem man Kerzen anzünden kann. Auf den Wänden hängen Bilder, die den Weg Jesu Christi zur Kreuzigung darstellen; kleine Marmorplatten, die an den Menschen erinnern, die zur Aufhebung der Kirche beigetraben haben; und Platten mit Inschriften wie z.B.: „Maria hat geholfen, hilf auch du weiter. 1964 G.M.” oder „Gib den Menschen ewiges Leben.”. An dem Betpult vor dem Kunstbau des Heiligen Antonius kniet eine Frau und betet. Eine andere kniet sich nieder neben ihr und tut das Gleiche. Im Saal der Kirche sind die Bänke leer. Kinder, die mit ihren Eltern und Großeltern da sind, laufen umher, setzen sich kurz in den Bänke und fragen neugierig mit dem Finger zeigend nach, was dies oder das bedeutet. Vor mir steht ein kleines blondes Mädchen, das ihre Mutter an der Hand hält und nach oben schaut. Ich blicke auch nach oben und starre zur Kuppel hin. Von der Mitte gehen goldene Strahlen aus, die sich —je weiter man zum Rande der Kuppel seinen Blick hinrichtet— auf einer blauen Ebene punktiert als Sterne verlieren. Dieses runde Spiel verwirrt und zieht mich gleichzeiteig an, sodass ich mich in der Zeit verirre. Ich schaue kurz nach wieviel Uhr es wohl sein könnte. Nehme das aber nicht wahr und blick erneut in die Höhe. Ich schaue wieder nach. Es ist zehn vor sechs am Abend. Ich merke, dass ich kaum noch Zeit hätte zu Falcos Grab zu kommen.

„Out Of The Dark”

Wie ich aus der Kirche raus bin, pocht ein starker Nachtwind mir ins Antlitz. Ich gehe nach rechts den Neuen Arkaden entgegen und vorbei an ihnen, denn in diese Richtung muss Falcos Grab sein. Der Wächter ist nicht mehr da, das Schild zeigt nur den Weg zum Ausgang. Je weiter ich mich von der Kirche entferne, desto dunkler wird es. Eilende Menschen kommen mir entgegen, sie wollen zum Ausgang, denn um 18 Uhr wird der Friedhof geschlossen. Ich gelange zu einem runden Platz von dem aus sternenartig Wege ausgehn. Wegen der Dunkelheit sehe ich kaum, was auf den Schildern steht. Es läuten die Glocken. Es ist 18 Uhr. Tor 2 wird bald geschlossen. Auf dem Weg, der diagonal zur Kirche liegt, gehe ich dem Haupteingang entgegen. Die Dunkelheit… ich suche Kerzen, der Friedhof sollte brennen! Doch er ruht. Ein Kürbis auf einem Grab… ein wenig Licht, danach wieder Dunkelheit. Unterdurch einer der Alten Arkaden komme ich am Haupteingang ans künstliche Licht.